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Elektrisches Licht

Am Mittwoch, den 8. Dez. 1921 wurde unser Ort eingeschaltet in den Stromkreis des Zweckverbandes Nordhannover, nachdem die notwendigen Vorarbeiten (Ausbau des Ortsnetzes, Installation) ca. ½ Jahr gedauert hatten. Das Transformatorengebäude wurde schon im Juli 1920 fertiggestellt. Siehe nachstehenden Zeitungsbericht:

Lübberstedt, 8. Dezember 1921. (Elektrisches Licht)

Der gestrige Tag verdient in der Chronik unseres Ortes ein besonderes Merkblatt. Lübberstedt wurde eingeschaltet in den großen Stromkreis des Zweckverbandes Nordhannover. Am Abend strahlten fast sämtliche Häuser im elektrischen Lichte. Zur Feier des großen licht- und kraftspendenden Ereignisses fand ein Festessen statt im Gellerschen Gasthause. Die Festlichkeit, die einen alle Teile durchaus befriedigenden Verlauf nahm, fand auch keine unliebsame Lichtstörung dank der aufopfernden Tätigkeit unseres Haupt-Installateurs, des Herrn Burmeister-Tespe, und seines rührien Monteuers. Möge der neue Schritt, den unser Dorf in seiner Entwickelung getan hat, ihm zum Segen gereichen.

Weiter wird uns aus Lübberstedt geschrieben:

Als erste Ortschaft der Hohen Geest ist am Mittwoch Lübberstedt vom Überlandwerk Nordhannover eingeschaltet. Damit ist ein langersehnter Wunsch der Bewohner in Erfüllung gegangen. Heller Jubel herrschte in den Häusern und nur glückliche Gesichter sah man, als zum ersten Male die Glühbirnen ihr blendendes Licht erstrahlen ließen. Daß die Ortschaft so schnell Licht bekommen hat, ist dem einmütigen Zusammenarbeiten aller Beamten und Arbeiter des Überlandwerkes mit der Gemeinde zu danken. Besonderer Dank gebührt Herrn Gemeindevorsteher Rieckmann, der Zeit und Mühe nicht gescheut hat, um ein schnelles Fertigstellen des Ortsnetzes zu erreichen. Alle Besitzer stellten Gespanne und Arbeitskräfte jederzeit tortz der eiligen Zeit der Kartoffel- und Rübenernte zur Verfügung, so daß im Bau des Ortsnetzes nicht die geringste Störung eintrat. Masten und Material waren immer zu Stelle. Dafür gebührt der Dank den Beamten des Überlandwerkes, die sich in uneigennütziger Weise für den schnellen Ausbau der Ortschaft mit aller Energie einsetzten.

Ein großes Verdienst hat sich auch Herr Installateur Bumeister, Tespe, erworben, indem er trotz der schwierigen Materialbeschaffung sämtliche Anlagen am 1. Lichttage fix und fertig hatte. So ist denn Tatsache geworden, daß Lübberstedt gerade noch vor Einsetzen der dunkelsten Tage in hellstem Licht erstrahlt. Der erste Lichttag wurde in den prächtigen Räumen von Gellersens Gasthaus durch ein Festessen würdig gefeiert, bei dem Beamten und Monteure, Bauer und Abbauer sich einmütig zusammenfanden, um den vorzüglichen Speisen und Getränken von „Mutter Gellersen“ tapfer zuzusprechen.

Auf dem Bahnhof wurde der elektrische Kochapparat eingeweiht. Hier waren die jungen Leute zahlreich versammelt, um beim ersten elektrischen Licht die ersten „elektrischen“ Grogs zu trinken. Die Hauptfeier wird am Sonntag begangen werden, so die Jugend des Dorfes sich bei Musik und Tanz erfreuen soll. Alle diejenigen, die noch kein elektrisches Licht haben, aber bald haben wollen, seien dazu herzlichst eingeladen.

Beim Festessen am Abend des 7. Dez. hielt Schreiber dieses folgende Ansprache:

Meine Herren, lieben Freunde! Es gibt auf dem Lebenswege jedes einzelnen Menschen, sowie auch in der Entwicklungsgeschichte ganzer Ortschaften oder Völker gewisse Marksteine, bei denen man einen Augenblick verweilt, um zurückzuschauen auf die Wegstrecke, die man hinter sich hat und Ausblick zu halten nach dem, was vor einem liegt. Ein solcher Markstein in der Geschichte unseres Ortes ist z.B. das Jahr 1906, das uns die Kleinbahn bescherte, unserer bisherigen Weltabgeschiedenheit ein Ende machte und unsere Gegend dem Verkehr erschloß.

Nun sind wir wieder im Begriff, in ein neues Stadium der Entwicklung unseres Dörfchens einzutreten.

Der 7. Dez. 1921 wird als ein Merktag in der Chronik unserer Ortschaft eingezeichnet werden müssen. Der elektrische Strom als Licht- und Kraftspender hat zum ersten Male uns heute erreicht.

Wir kennen alle aus dem Märchen- und Sagenschatze unseres Volkes die Geschichte von den Zwergen und Wichtelmännern, die allezeit bereit waren, armen und guten Menschenkindern ihre hülfreiche Hand zu leihen. Sind die Fabeln heute Wirklichkeit geworden? Ein Fingerdruck – und die Schatten der Nacht schwinden, blendende Helle ist nun um uns her. Ein Ruck am Hebel! – und unsere Motore und Maschinen fangen an zu surren und zu arbeiten, wie von Geisterhänden getrieben.

Mit der Geschichte des Lichtes ist es so, wie auf vielen anderen Gebieten. Bis in das 19. Jahrhundert hinein finden wir Verhältnisse, die bis in die älteste Zeit des Niedersachsentums zurückreichen. Dann folgt eine schnelle und immer schneller werdende Verdrängung des Alten durch die erfindungsreiche Neuzeit.

Beim Lichte des Kienspans hat man sich schon von Arminius und den Römern und noch vom 1. Napoleon erzählt.

Es würde zu weit  führen, wenn ich Ihnen den ganzen Werdegang unserer Beleuchtung über die verschiedenen Arten der Tran Tranfunzeln und Laternen bis zur Petroleumlampe vorführen sollte. Wenn wir an jene Zeit mit ihren kläglichen Beleuchtungsmitteln denken, dann erscheint es uns begreiflich, daß unsern Vätern die Dezember-Finsternis etwas Schreckhaftes wurde, daß sie inmitten der kalten Jahreszeit, an den kürzesten Tagen, das Fest der Wintersonnenwende feierten. Gewiß sehnen wir uns heute auch noch heraus aus der dunklen Jahreszeit, aber sie hat den größten Teil ihrer Schrecken verloren. Vor dem elektrischen Funke weicht die Finsternis.

Wir wollen heute deshalb Dank sagen denen, die uns den Anschluß an den Zweckverband sobald ermöglicht haben.

November und Dezember sind die beiden trüben todestraurigen Monate, die mit grauen, schleppenden Gewändern über die Erde ziehen in ihrem Gefolge Missmut und Krankheit. In diese trübste Zeit des Jahres fällt als ein Lichtblick unser heutiges Fest.

Sollte das nicht eine gute vorbedeutung sein? Die Aussichten für unser liebes Vaterland sind augenblicklich grau in grau wie Dezembernebel, nirgends ein Licht.

Und doch! Liebe Freunde! Unsere Feinde können Glieder vom Körper unseres Landes losreißen; sie können uns unser Gold und Silber und alle möglichen Sachwerte nehmen – ein’s müssen sie uns lassen: Den deutschen Fleiß, die deutsche Tüchtigkeit und Intelligenz, die immer neue Triumpfe feiern auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik. Und diese unsre Güter lassen uns hoffen, daß nach diesen trüben Tagen das Morgenrot einer bessern Zeit aufgehen, daß uns die Sonne des Glückes wieder scheinen wird.

In diesem Sinne bitte ich mit mir einzustimmen in den Ruf: Unsere engere Heimat Niedersachsen mit dem Zweckverband Nordhannover und unsere weitere Heimat, unser deutsches Vaterland: Hoch. Hoch. Hoch.

(Bei den obigen Daten handelt es sich um einen Auszug aus der Schul-Chronik)